Devisengeschäfte per Mausklick


September 2010

Die Lufthansa nutzt seit zehn Jahren die Devisenhandelsplattform 360T zur Währungsabsicherung ihrer Einnahmen. Über das System lassen sich effizient die Währungskurse von bis zu 75 verschiedenen Banken gleichzeitig einholen.

Von Hanno Mußler

Die Lufthansa jongliert mit rund 20 Währungen. Wenn sie in Oslo Flugtickets verkauft, erhält sie dafür norwegische Kronen. Wenn die Tochtergesellschaft Lufthansa Cargo Fracht nach Südkorea liefert, erhält sie Einnahmen in koreanischen Won. Das sind nur zwei Beispiele, mit denen sich die Lufthansa jede Stunde Fremdwährungsrisiken ins Haus holt. Sie reagiert darauf mit einem ausgefeilten Währungsmanagement.

“Wir erfassen und konsolidieren monatlich konzernweit alle Währungsströme, die vor allem aus dem weltweiten Ticket-Verkauf stammen”, sagt Axel Tillmann, Währungsexperte der Lufthansa. Das Unternehmen habe mit Ausnahme des Dollar, mit dem es Flugzeuge und Treibstoff bezahlt, in allen anderen Fremdwährungen Überschüsse. “Diese verkaufen wir – zum Großteil schon, bevor sie uns tatsächlich zugeflossen sind – mit Hilfe von Währungsabsicherungsgeschäften”, erklärt Tillmann.

Tillmann, Leiter Konzernfinanzen der Lufthansa, hat für diese Absicherungsgeschäfte schon früh auf den elektronischen Devisenhandel gesetzt. “Anfang 2000 kamen die zwei Gründer von 360T, damals noch Combid, zu mir mit einer etwa 20 Seiten starken Präsentation. Sie hatten noch keine Zeile programmiert, aber ich war dennoch begeistert von dem Konzept”, erinnert sich Tillmann. “Ich habe darin hohe Effizienzgewinne für das Treasury gesehen und die Chance ergriffen, als Pilotkunde Einfluss auf das Design der Devisenhandelsplattform zu nehmen.”

Tatsächlich sind die Einsparungen für jeden ersichtlich, der die Maske des System 360T vor sich hat und sich gleichzeitig in die Zeit des Telefondevisenhandels zurückversetzt. Die moderne Maske hat die Anmutung einer Internetseite, auf der man nach dem günstigsten Flug oder dem verfügbaren Hotels sucht. Aus Sicherheitsgründen aber ist es ein Java Applet, das als Softwareelement auf einem Rechner fest gebunden ist. Es tritt in Korrespondenz mit 360T auf einem in Frankfurt stehenden Server.

Der Vorteil der elektronischen Plattform: Anstatt wie früher vielleicht drei Devisenhändler in verschiedenen Banken anzurufen, mühsam deren Angebote zu sammeln, die Gefahr von Missverständnissen und Verständigungsproblemen am Telefon in Kauf nehmend und den Devisenhändlern ein Stück weit ausgeliefert zu sein, lassen sich über 360T von bis zu 75 angeschlossenen Banken Währungskurse gleichzeitig einholen.

“Ein Devisengeschäft über unsere Plattform lässt sich im Schnitt um 10 Minuten schneller durchführen als früher im Telefonhandel”, beschreibt der 38 Jahre alte Unternehmensgründer Carlo Kölzer die zeitliche Ersparnis. Ein weiterer Vorteil: Die neue Preistransparenz und Geschwindigkeit, in der Preise zur Verfügung stehen. Dies stellt viele Banken vor große Herausforderungen, da die Transparenz zu geringeren Geld-Brief-Margen führt und entsprechende Technologien entwickelt und bereitgestellt werden müssen, sagt Kölzer.

Trotz Krisen gewachsen

18 Milliarden Euro, davon gut die Hälfte von Unternehmen, werden heute täglich sofort, per Termin oder als Swap-Geschäft in verschiedensten Währungen über 360 T gehandelt. Hinzu kommen täglich 15 Milliarden Euro, die von Unternehmen wie dem Pharmakonzern Merck KGaA als Reserve beispielsweise für einen Monat in eine Zinsanlage gesteckt werden. “Trotz zwei tiefer Krisen seit dem Jahr 2000 ist der Umsatz von 360T um 30 bis 40 Prozent im Jahr gewachsen, und die Zahl der Mitarbeiter stieg von anfangs drei auf heute 90”, nennt Kölzer die Eckdaten einer seltenen Erfolgsgeschichte am Finanzplatz Frankfurt.

Dabei gab es schon, als die Startvorbereitungen für das Unternehmen im Juli 2000 begannen, Schwierigkeiten mit der Kapitalbeschaffung. Der Neue Markt mit seinen vielen Technologie-, Medien- und Telekomunternehmen (“TMT”) hatte gerade seinen Höhepunkt überschritten und stand vor einem tiefen Einbruch. “Wir waren mit die letzte Maus, die noch durch die zufallende Tür des Venture-Capital-Marktes hineingerutscht ist”, erinnert sich Kölzer. Deutlich üppiger ausgestattete Konkurrenten wie Reuters machten die sinkenden Handelsumsätze nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dann deutlich mehr zu schaffen als 360T, das die Gewinnschwelle im Oktober 2004 erreichte, im Jahr 2006 mit der internationalen Expansion begann und heute 17 Standorte etwa in New York, Singapur und Dubai hat. 75 Banken sind dem System angeschlossen, und 500 Unternehmen nutzen es, davon 130 deutsche.

Volatilität aus Währungsrisiken glätten

Natürlich bieten auch Großbanken wie die Citigroup oder die Deutsche Bank ihren international tätigen Unternehmenskunden Währungstransaktionssysteme an. Für Tillmann macht den Erfolg von 360T indes aus, bankenunabhängig zu sein. “360T ist im Gegensatz zu den meisten anderen Devisenhandelsplattformen nicht auf die Banken, sondern auf die Bedürfnisse von Unternehmen zugeschnitten”, sagt der Leiter Konzernfinanzen der Lufthansa. Dazu gehört auch ein einfaches, in das eigene Treasury-System eingebundene Berichtswesen. So erhalten die Kunden auch Abrechnungen darüber, wie viel sie eingespart hätten, wenn sie immer mit der preisgünstigsten Bank abgeschlossen hätten und nicht wie etwa die Lufthansa auf Banken mit darüber hinausgehenden Geschäftsbeziehungen Wert gelegt hätten.

Das ist vor allem für die Preistransparenz der Währungsabsicherungsgeschäfte interessant, die Lufthansa abschließt. “Wir machen auf monatlicher Basis eine währungsdifferenzierte Planung für die nächsten 24 Monate und wissen daher genau, welche Währungsrisiken wir in diesem Zeitraum zu erwarten haben”, sagt Tillmann. “Wir verkaufen dann die zu erwartenden Überschüsse, zum Beispiel aus dem Ticket-Verkauf in norwegischen Kronen, über den Planungszeitraum gestaffelt: Für die Monate 24 bis 19 bis zum Zufluss verkaufen wir 20 Prozent der zu erwartenden Überschüsse, für die Monate 18 bis 13 haben wir 40 Prozent verkauft, für die Monate sieben bis zwölf dann 60 Prozent und für die Monate sechs bis eins insgesamt 80 Prozent, so dass im Moment des Zuflusses nur noch 20 Prozent des zufließenden Währungsstroms noch nicht verkauft und damit noch im Risiko stehen.

Das Ziel dieser Strategie ist, die Ergebnisvolatilität aus den Währungsrisiken unseres operativen Geschäftes zu glätten und nicht etwa zu einem ungünstigen Kurs alles verkaufen zu müssen. Vielmehr haben wir dank unserer Strategie einen Absicherungsgrad von durchschnittlich 50 Prozent erreicht”, sagt Tillmann und gibt einen Einblick, wie die Lufthansa ihr Währungsmanagement verfolgt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: BLOOMBERG NEWS, Wonge Bergmann