Start-up-Portrait: Die 360 Treasury Systems AG hat eine Online-Handelsplattform für Devisen, Termingeld und Zinsderivate entwickelt - zwei von drei DAX-Unternehmen handeln bereits auf ihr.  
     
 
Frisch gekürte Entrepreneure des Jahres

Bis vor wenigen Jahren liefen Devisenhandel und Termingeldgeschäfte per Telefon. Dann lösten Online-Plattformen den Fernsprecher ab. Eine davon betreibt die 360 Treasury Systems AG aus Frankfurt. Bei ihr laufen mittlerweile Transaktionen in Höhe von über 10 Milliarden Euro pro Tag.
     
 
“Natürlich war es eine unsichere Situation, so ganz ohne Gehalt, ohne Finanzierung, ja eigentlich nur mit der Idee”, erinnert sich Carlo Kölzer. Nach seinem Studium hatte der Gründer der 360 Treasury Systems AG erst zwei Jahre beim Bankhaus Dresdner Kleinwort Benson gearbeitet, als er beschloss, sich selbständig zu machen.

Die Idee war ihm im Bankalltag gekommen. Als Auditor hatte er dort regelmäßig mit Devisen- und Termingeschäften zu tun. Die Fehlerquote bei den oft hektischen telefonischen Geschäften war hoch, “weil eine Fifteen schnell mal als Fifty verstanden wird, Millionen wohlgemerkt”, so Kölzer. Solche Fehler kosteten Zeit und sorgten für Zinszverzug. Die Dresdner ging darum erste Schritte in Richtung eines Onlinehandels - damals noch bilateral. “Ich war in den Aufbau des Systems involviert”, erklärt Kölzer, “und hab mir gedacht: wenn jetzt jede Bank anfängt, bilaterale Systeme aufzulegen, haben es die Kunden nachher mit 20 verschiedenen Systemen zu tun”. Damit war die Idee seiner multilateralen Handelsplattform TEX (Treasury Exchange) geboren.
 
     
  “Sein damaliger Chef wünschte ihm beim Abschied Glück und bot an, er könne wieder kommen, wenn die Gründung scheitern sollte. Das war im Sommer 2000. Seit letzter Woche sind Kölzer und seine Mitgründer Mathew Kuppe, Christoph Perger und Moritz von der Linden “Entrepreneure des Jahres” in der Kategorie Start-up. Denn sie sind alles andere als gescheitert. Das junge Unternehmen beschäftigt heute 47 Mitarbeiter und hat mehr als 300 Kunden, darunter zwei Drittel aller DAX-Unternehmen, sowie über 50 internationale Banken für den Handel auf seiner Plattform gewonnen. Täglich laufen Transaktionen in Höhe von über 10 Mrd. € über jene Plattform, die Kölzer zur Jahrtausendwende noch als fixe Idee in sich trug.

In der ersten Zeit nach der Gründung war dieser Erfolg zunächst nicht in Sicht . Kölzer kam zwar mit der Planung gut voran und entwarf zusammen mit dem IT-Experten Kuppe die Architektur und die technischen Spezifikationen der Plattform. Doch war das Gründerquartett mit seiner Idee nicht allein. Drei übermächtig wirkende Konkurrenten mit Großbanken und Konzernen im Hintergrund gingen ebenfalls mit Onlineplattformen an den Start. Während sie sofort Büros rund um den Globus eröffneten und dank satter Kapitalausstattung massiv für sich werben konnten, mussten die Gründer einen Lead-Investor überzeugen, um sich einen Gründerkredit der KfW-Mittelstandsbank zu sichern. Letztlich gelang es ihnen.
   
     
     
  Das Geld diente der Systementwicklung in Zusammenarbeit mit einem Dienstleister. Ende 2001 war die Transaktionsplattform TEX zum ersten Mal online, seit 2002 läuft der Betrieb. Kunden gab es aber noch nicht. “Wir hatten eine echtes Henne-Ei-Problem”, erinnern sich die Gründer. Potentielle Kunden fragten nach Banken, die auf der Plattform Wechselkurse anbieten, die Banken wiederum wollten erst Kunden sehen. Erst nach langer Überzeugungsarbeit fanden sie einen Fürsprecher bei der Lufthansa. Auch die Dresdner Bank ließ sich erweichen. Damit war der Knoten geplatzt. Sukzessive schlossen sich immer mehr Unternehmen und Banken an. Heute bekommen Unternehmen binnen Sekunden zahlreiche Angebote unterbreitet, wenn sie Millionenbeträge wechseln wollen, und können das Geschäft mit dem Anbieter ihrer Wahl per Mausklick rechtsverbindlich abschließen.      
     
  Teils nutzen Unternehmen die Technik der 360 Treasury Systems AG auch für interne Geschäfte. So handelt ein führender deutscher Energiekonzern mit seinen Tochtergesellschaften in geschlossenen Nutzergruppen auf der Plattform, die in diesem Fall als Inhouse-Bank mit 24-Stundenservice dient. Und eine Bankengruppe wickelt mit einer speziell angepassten Version der 360 Treasury-Software (I-TEX) alle Geldgeschäfte zwischen ihren Banken ab. Neben den Lizenzeinnahmen von solchen Nutzern verbleiben Promillanteile der täglichen Finanzströme als Gebühr bei der Gesellschaft.      
     
  Kürzlich hat das Frankfurter Start-up Tochtergesellschaften in Singapur und New York eröffnet - Jahre später als die Konkurrenz. Im Nachhinein hat sich der eher zähe Start als Glücksfall erwiesen. “Der Wechsel vom Telefon zum Onlinehandel ist wie der Wechsel vom Pferd aufs Auto”, sagt Kölzer. Das brauche Zeit, weil die Kunden erst Vertrauen gewinnen müssen. Einer der drei Konkurrenten hat zu früh zu groß gedacht - und ging nach dem Platzen der Dotcom-Blase pleite. “Für uns war das frühe Einsteigen der anderen gar nicht verkehrt”, resümieren die Gründer, “denn sie haben die Straßen planiert, auf denen wir jetzt rollen”. Zwar sind die zwei verbliebenen Konkurrenten um den Faktor 5 bis 7 größer als 360 Treasury Systems. Doch in Deutschland, der Schweiz, den Benelux-Ländern und Großbritannien ist das Start-up bestens im Geschäft. Und das reicht den Gründern - vorerst.

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